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Kurzszene · aus der Welt der Büdchen-Krimis

Ein Dienstag in Kuhlenbrock

Ein ganz gewöhnlicher Tag an der Trinkhalle Kaczmarek am Kuhlenbrocker Markt.

Am Dienstag fing es nach dem Mittag an zu nieseln, und bis drei hatte Bärbel Kaczmarek seitdem vier Kunden gehabt. Einer davon war der Postbote, der nur zum Unterstellen hereingekommen war. Bärbel zählte ihn mit. An einem Dienstag im Regen zählte sie großzügig.

Der Brunnen drüben auf dem Markt hatte vom Regen nichts. Der war trotzdem trocken.

Bärbel rollte Kleingeld, Zehner zu Zehnern, Zwanziger zu Zwanzigern. Atze saß auf seinem Hocker, die Mütze auf dem Knie, und erzählte von einer Täubin, die seit Sonntag nicht fraß.

„Die is beleidigt“, sagte er. „Ich hab den Schlag umgeräumt.“

„Die Graue? Die hast du doch letzte Woche schon umgesetzt. Hast du Donnerstag erzählt, zwischen dem Wetter und Kowalskis Knie.“

„Siehste“, sagte Atze zufrieden. „Dann is die ja schon zweimal beleidigt.“

„Dann räum zurück.“

„Mach ich ja. Man muss auch mal nachgeben können.“

Bärbel schob die fertige Rolle in die Kasse. Am Donnerstag würde einer fragen, was mit Pionteks Taube war. Dann würde sie es wissen.

Kurz nach drei kam Kessling herein, ohne Schirm, die Schultern nass und das Notizbuch schon in der Hand. Er grüßte nicht gleich. Erst schrieb er den Satz zu Ende.

„Ich war bei Budnik“, sagte er dann.

„Die haben zu, Doc“, sagte Atze.

„Das ist mir aufgefallen, Herr Piontek.“ Kessling nahm den Filterkaffee, den Bärbel ihm hinstellte, ohne dass er bestellt hatte, und legte das Notizbuch daneben. „‚Wir backen was Neues!‘ Ich habe mir den Wortlaut notiert. Man geht jeden Tag daran vorbei und weiß irgendwann nicht mehr, was genau dasteht.“

„Ich weiß, wat da reinkommt“, sagte Atze. „Ein Handyladen. Hat der Kowalski gesagt.“

„Herr Kowalski sagt das bei jedem leeren Laden.“

„Und? Irgendwann stimmt dat.“

„Wie viele leere Läden hat Herr Kowalski bisher zum Handyladen erklärt?“

Atze zählte an den Fingern ab und hörte bei der zweiten Hand wieder auf. „Paar. Einer is auch einer geworden.“

„Welcher?“

„Weiß ich nich mehr. Aber einer.“

Um halb vier kam die Genschow, stellte ihren Schirm aufgespannt in die Ecke und wusste es besser: ein Nagelstudio, das habe sie im Salon gehört, und im Salon höre man so was zuerst. Bärbel gab ihr das Wechselgeld für die Fernsehzeitung. Die Nichte der Genschow machte seit dem Sommer einen Kurs für Nägel. Das hatte die Genschow vor drei Wochen selbst am Tresen erzählt, zwischen zwei Kunden und ganz ohne Salon. Bärbel ließ das Nagelstudio gelten. Kessling schrieb es auf.

Kurz vor fünf blieb Samira Böttcher auf dem Heimweg stehen, in Zivil, die Kapuze über dem Kopf, und kaufte eine Tüte Lakritz.

„Budnik“, sagte Atze. „Wat kommt da rein? Ihr wisst doch so wat.“

„Wir wissen gar nichts. Ich hab Feierabend.“ Samira steckte die Tüte in die Jackentasche. „Wenn ich mir was wünschen dürfte: wieder ein Bäcker.“

Dann war sie wieder draußen im Regen. Atze sah ihr nach, bis sie an der Ecke war.

„Bäcker“, sagte Atze. „Dat is ja wohl dat Unwahrscheinlichste von allem.“

Kessling hatte jede Vermutung in sein Notizbuch geschrieben, eine unter der anderen, und bei jeder leicht den Kopf geschüttelt. Jetzt klopfte er mit dem Stift auf die Seite.

„Sie sind alle zu schnell“, sagte er. „Denken Sie an das Ausrufezeichen. Wer ein Ausrufezeichen setzt, hat einen Plan. Kein Handyladen, kein Nagelstudio. Der Mann wollte wiedereröffnen, mit einem neuen Konzept. Vollkorn, vermute ich. Oder Konditorei. Frau Böttcher liegt von Ihnen allen am nächsten dran.“

„Das Schild is ein Edding“, sagte Bärbel.

Kessling hob den Kopf.

„Meiner. Der Budnik hat das hier geschrieben, am letzten Tag, auf dem Tresen. Da, wo Ihr Notizbuch liegt.“

Kessling zog das Notizbuch ein Stück zu sich heran, als könnte es noch etwas abbekommen.

„Er hat gesagt, wenn da ‚Geschlossen‘ dransteht, gucken die Leute ein Jahr lang traurig rein. Wenn da was Neues dransteht, gucken sie wenigstens neugierig.“

„Und das Ausrufezeichen?“

„Weil noch Platz war.“

Atze lachte so, dass er sich am Tresen festhalten musste. Kessling sagte eine Weile nichts. Dann schlug er das Notizbuch wieder auf, strich eine Zeile durch, gründlich, und schrieb darunter etwas Neues.

„Was schreiben Sie da?“

„Die Quellenlage.“ Er drehte das Buch nicht um. „Beschriftet am Tresen der Trinkhalle Kaczmarek. Schreibgerät aus Ihrem Bestand.“

„Dann schreiben Se dazu, dass er ihn nie zurückgebracht hat.“

Kessling sah sie an, lange genug, um zu zeigen, dass so etwas in einer ernsthaften Chronik nichts verloren hatte.

Und dann schrieb er es dazu.

Kuhlenbrock ist erfunden – eine Szene nur für diese Website, sie steht in keinem Buch der Reihe.